Rennbericht - Taunus Rallye 2010
Taunus Rallye 2010
"Ich glaub, wir ham´n Rad los"
Wir schreiben den 5.2.2010 und befinden uns auf der Anreise zur Taunus Rallye in Weilrod - Riedelbach. Bekanntermaßen zählt die Taunus ja zu den "Schneerallyes", die aus jahrelanger Tradition keinen Schnee haben. Die Wetterlage der vergangenen Wochen ließ jedoch hoffen ein wenig Glätte unter die Räder zu bekommen, und mich zweifeln, ob an der "Globalen Erwärmung" überhaupt irgendwas dran ist oder das nur für Länder jenseits der Alpen gilt. Wochenlang hat’s immer mal wieder geschneit und "geschneit" heißt in diesem Fall, dass meine Nachbarn und ich uns regelmäßig beim Schneeräumen getroffen haben, uns gegenseitig mit heißen Getränken versorgten und uns halfen, wenn die Hände mal wieder am Schneeschieber festgefroren waren. Das weiße Zeug wurde von allen in meinem Vorgarten abgeladen, weil nirgendwo mehr Platz für das Zeug war.
Warum, zum Geier, sollte es dieses mal nicht mit der Schneerallye klappen? Weil Petrus ´ne Flachschüppe ist und pünktlich 1 Woche vorm Start den Frühling testweise einführen musste.
Na gut, fahr´n wir halt normal, wie immer. Denkste. Um 60cm allerfeinsten Pulverschnee in einer Woche wegzutauen, brauchst du nämlich ´ne Supernova und wenn es nachts auch noch friert, wird die angetaute Pampe zu einer undefinierbaren Masse mit einer Konsistenz irgendwo zwischen Wasser und Granit, wobei alle Möglichkeiten in unterschiedlichen Konzentrationen vorhanden sind. Die Veranstalter haben daraufhin, in einer gewaltigen Mammutaktion, mit allen verfügbaren Gerätschaften, vom Handfeger bis zum Bergepanzer, versucht, die WP´s einigermaßen befahrbar zu machen. Herrjottimhimmel, den Job hätt ich nicht machen wollen. Beim Testweisen befahren hat der WP Leiter seinen allradgetriebenen Einsatzwagen zur Immobilie gemacht, der RTW ist zur Begrüßung erst mal bis zu den Türgriffen versunken und der Pilot vom Rettungsheli hat sich geweigert überhaupt zu landen, damit er mit seinem Rotor nicht den "Schneeengel" macht.
Tja, lieber Veranstalter, wat nu? 2 Alternativen: Absagen oder kürzen. Glücklicherweise gehören viele Mitglieder der Veranstaltergemeinschaft Taunusrallye noch in die Zeit, als man Abschleppseile schon im Vorfeld angebracht hat, damit die Bergung schneller von Statten geht. Old School, yeah, Baby! Also wurde gekürzt, umgelegt, probiert, verworfen, erpresst, entführt und alle Möglichkeiten genutzt, um uns 26 mehr oder weniger fahrbare WP Kilometer zu bieten. Geil, Jungs!
Als wir uns Freitagabend zur technischen Abnahme anstellten, packten die ersten Teams aber schon wieder zusammen. "...hab für ´ne ganze Rallye bezahlt...", "...unfahrbar...", ...nicht gut für´s Auto...", "...mimimimimiiii...". NICHT GUT FÜR`S AUTO... samma? Seid ihr schon mal Wittenberg gefahren? Oder während der Rushhour durch Paris? DAS ist nicht gut für´s Auto! Ein einziger hat für mich nachvollziehbare Gründe angeführt, warum er Heimgefahren ist.
Nachdem wir Papier- und TA hinter uns gebracht hatten, ging es erstmal zur, von meinem Fahrer hervorragend selektierten, Unterkunft mit kurzem Zwischenstopp beim örtlichen Currywurstdealer, um Taktik, Reifenwahl, Wetter und Fernsehprogramm zu diskutieren.
Am nächsten Morgen lösten wir das festgefrorene Rallyefahrzeug vom Parkplatzboden und begannen die WP´s zu besichtigen. Arschglatt war’s und bei der Anfahrt zu WP 3 fing „Vicky“ (der olle BMW) auf einmal an rumzuschlackern, als ob mindestens 4 Räder kurz vorm abfallen wären. Es dauerte einen Bruchteil einer Sekunde um einen Fehler seitens unseres Serviceteams vollkommen auszuschließen, jedoch was war das? Minigletscher! Auf der Straße! In Echt! Das Tauwasser aus den reichlich vorhandenen Schneewällen am Straßenrand war über Nacht gefroren und hat alle ca. 50 cm schmale Eisplatten gebildet, die das Auto versetzen ließen. OK, wir waren dann auch wach...
Für eine in großen Teilen improvisierte Rallye muss ich sagen: Hut ab! Irgendwo dachte ich auf der WP, das wenn´s hier nicht klappt, tut´s weh. Und hier. Und hier. Und hier ganz besonders... Damit es nicht so langweilig wurde, setzte zwischendurch auch wieder Tauwetter ein und verwöhnte uns mit herrlichem Nebel, der auch immer dichter wurde. Damit wir uns rudimentär orientieren konnten, wurden Hochstände, Lichtungen, und rumliegendes Zeugs im Aufschrieb integriert, weil man keine Gerade bis zum Ende sehen konnte. Wir haben sogar Leitpfosten gezählt! Ihr kennt die Geschichte, dass Männer nicht 2 Sachen gleichzeitig können? 1. 2. 3. 4. 300 R3 macht zu 2, äääh 7?, 8? oder war das schon der 9te? Drölf? Achscheißdiewandan BREMS! Dachte Basti sich wohl auch, aber eine Zehntel früher, latschte auf´s mittlere Pedal - und fuhr dann erst mal zur Kurve hin. Safety first! Die Alternative wäre gewesen, den Baum zu verfehlen um dann 500m später im Loch Ness des Hochtaunus, also mitten auf einer moorartigen Wiese langsam zu versinken. Also, liebe Kinder! Wenn ihr nicht wisst, wo´s langgeht, lieber mal lupfen, sonst kommen die Feldkobolde, und verhauen euer Auto!
An einer anderen Stelle war der Weg so ausgefahren, dass die Vorderräder gar nicht mehr bis zur Talsohle reichten und das Auto nur noch friedlich auf der Motorschutzplatte vor sich hin rodelte. Jetzt stelle man sich die handelsübliche, hundsgewöhnliche Alu-Platte vor, die normalerweise die Ölwanne vor einem jähen Tod durch Feindberührung bewahrt. Glatt wie ein Kinderpopo. Seitenführung irgendwo zwischen gar- und überhaupt nicht. Der geneigte Leser möge sich an dieser Stelle die Bilder der Veranstaltung zu Gemüte führen, auf denen man sehr schön erkennen kann, dass es durchaus möglich ist auf der Geraden mit voll nach rechts eingeschlagenen Rädern nach links zu fahren. Warum wir den Zaun, der sich nun auf unserer neuen, nicht freiwillig gewählten Ideallinie befand, nicht getroffen haben, versuchen namhafte Physiker noch zu erklären. Ist es aber nicht! Der Streckenabschnitt wurde im zweiten Turn auch nicht mehr gefahren, was einige Teilnehmer vor einem frühen Herztod bewahrt hat.
Mein persönliches Highlight aber war eine Stelle, an der man in der 4ten Welle, kurz vorm Begrenzer, auf Asphalt in einer L5+ in den Wald eintaucht. Die vorderen Pneus haben brav ihren Dienst getan, als es über die quer (!) in der Fahrbahn eingelassene Entwässerungsrinnen ging. Die hinteren Pneus hingegen sahen ihre Chance zur Flucht und haben diese auch ausgiebig genutzt. Hier nun die Erfahrungen, die ich in den darauf folgenden 5 Sekunden gemacht habe:
1. Basti lenkt schneller als sein Schatten.
2. Ich habe trotzdem Angst.
3. Um mich zu beruhigen ist es sinnvoll auf gar keinen Fall vom Gas zu gehen.
4. Was nicht funktioniert.
5. Ich kenne die Telefonnummern der Physiker, die unerklärliches enträtseln jetzt auswendig.
6. Ich vertraue meinem Fahrer seit dem zu 100%.
Leute! Wenn das schief gegangen wäre, hätte die Bahn sofort einen Bautrupp losgeschickt, um in die Schneise im Wald eine neue ICE-Trasse zu bauen! Eine neue Maßeinheit gibt´s seit dem auch: „peAN“ (plötzlich eintretende Arschfalten Nässe). Die Maßzahl 1 spiegelt die hiesigen Ereignisse dar.
WP 4/8 - der Rundkurs des Grauens... Start auf einem freigeschaufelten Weg, der so schmal war, dass die Frage nach der Ideallinie ad absurdum geführt wurde, denn es gab überhaupt nur eine befahrbare Linie. Anschließend ein T rechts auf eine Bundesstraße um kurz darauf wieder rechts eine geschotterte (!) Wiese hoch zu fahren (gerade erscheint mir wieder ein Bild der verschneiten Eiger Nordwand vor meinem geistigen Auge. Da sieht´s ähnlich aus!). Wieder T rechts und zweite Runde. Gelbe Flagge! Da hat’s doch glatt einen Golf geschmissen! Hinter einer Kuppe, in einer lang gezogenen Rechtskurve, lag links, sauber in einer Schneewehe eingetopft, ein quietschoranger GTI und blockierte etwa 20% der eh knapp bemessenen Fahrbahn. Also: Ellenbogen anlegen, Arschbacken zusammenkneifen, Augen zu und schauen was kommt. Passte! sogar in der darauf folgenden Runde noch mal! Die hysterisch rum laufenden Zuschauer haben uns allerdings eine Menge Zeit gekostet. OK, dann widmen wir uns nun der Ausfahrt. Da war da diese L2... Die sich tatsächlich als L 0-- glatt entpuppte. Mit geschätzten 1,2 Km/h rutschte das Renngerät Richtung Kurvenaußenseite, um dann oben auf einem Schneehaufen zum Stehen zu kommen. Da hatten dann auch die 10 Zuschauer keine Chance mehr und ein nach 6 Minuten beschaffter Traktor hat uns dann endlich wieder flott gemacht.
6 Minuten holt man auf einer 200er Rallye nur noch mit einer Zeitmaschine auf. Also konnten wir uns den Rest des Tages aufs Spaß haben konzentrieren und die neuen Fernscheinwerfer testen.
49. Gesamtrang
23. in der Gruppe N
15. in unserer Klasse
Egal. Wir leben noch, hatten einen Höllenspaß, wahnsinnig viel gelacht und wichtige Erfahrungen gesammelt.
WP9 war auch so´n Ding. Da haben wir uns mit einem der Teilnehmer unterhalten, oder sagen wir mit dem Rest seines Körpers. Er hatte da wohl gerade ein "Gehirnlösungsmittel" genossen und versuchte noch am Abend teilzuhaben. Mehr oder weniger. Mehr weniger. Er leugnet bis heute, überhaupt mit uns geredet zu haben.
Herr Ober! Ich möchte das gleiche wie dieser Herr! Am besten 2.
Patti


